Alois Schöpf

Lebenslauf
Ich wurde am 5. Oktober 1950 in Lans bei Innsbruck geboren.
Mein Vater Alois Schöpf war Gastwirt, Metzger und Landwirt. Als er im Jahre 1952 mit erst 39 Jahren starb, hinterließ er einen aufs
trebenden Betrieb mit vielen Schulden und ungeklärten Perspektiven. Um für sich selbst und ihre vier Kinder die Zukunft abzusichern,
konzentrierte sich meine Mutter Paula Schöpf voll auf das Geschäft, sodass meine Großtante, Tante Mi, wie wir Kinder sie nannten, meine wichtigste Bezugsperson wurde. Sie, die in so genannten besseren Häusern Gouvernante gewesen war, vermittelte mir die Liebe zur Kunst und eine besondere Sensibilität für persönliche Würde. Meine Mutter wiederum verwandelte mit ihrem Charisma und ihrem Fleiß den „Wilden Mann“ in einen Landgasthof, in dem neben Einheimischen auch viel Prominenz verkehrte. Für ihre Leistungen wurde sie zur Ehrenbürgerin von Lans ernannt und bekam vom Bundespräsidenten als erste Frau Tirols den Kommerzialratstitel verliehen.
Mit neun Jahren wollte auch ich dorthin zur Schule gehen, wo schon mein um fünf Jahre älterer Bruder war: in das Jesuitengymnasium Stella Matutina in Feldkirch an der Grenze zur Schweiz. Nach einem Vorbereitungsjahr, das sich für einen schlecht ausgebildeten Dorfschüler als segensreich erwies, durchlief ich das humanistische Gymnasium und fand in einigen Patres jene Vaterfigur, die mir in Ermangelung eines eigenen Vaters bisher gefehlt hatte. Ich lernte ein Musikinstrument, diente mich im Theater bis zu den Hauptrollen empor und begann Georg Trakl nachempfundene Gedichte, aber auch Romane zu schreiben,
die nie fertig wurden. Bei der Matura stand fest, dass ich keineswegs den elterlichen Betrieb übernehmen, sondern Dichter werden wollte, und dass ich bei aller Hochachtung vor vielen meiner Lehrer und Präfekten nicht an einen Gott glaubte, der die Lust geschaffen hatte, um sie zuverbieten.
 
Nach der Matura absolvierte ich das österreichische Bundesheer, bei dem Kriminelle in staatlichen Diensten auf mich losgelassen wurden, was ich
dem österreichischen Staat bei all seinen sonstigen Vorzügen bis heute nicht verziehen habe. Da ich nach dem Präsenzdienst immer noch nicht wusste,
was ich studieren sollte, inskribierte ich Psychologie und Pädagogik und floh ein Jahr später vor der hektischen Geschäftswelt des Elternhauses nach Wien, wo schon einige meiner Freunde aus Internats- und Heereszeiten angekommen waren. Dort versuchte ich es ernsthaft mit Germanistik, war jedoch von der Selbstgefälligkeit der Professoren und der Langweiligkeit des Unterrichts im Verhältnis zum Gymnasium so enttäuscht, dass ich beschloss, freier Schriftsteller zu werden.
Dabei gelang mir im Jahre 1973 ein Coup. Ich beteiligte mich beim Romanwettbewerb des damals renommierten Molden Verlages und bekam einen
Sonderpreis, der dem „Kurier“ eine Schlag zeile auf der Titelseite im Ausmaß eines interessanten Mordfalles wert war. Der Roman „Ritter, Tod und Teufel“ erschien rechtzeitig zur Buchmesse, ich durfte Fernsehinterviews geben und eine Lesung in Alpbach vor 400 Zuhörern gemeinsam mit Peter Turrini und Peter Henisch bestreiten.
Zugleich schwante mir jedoch, dass ich noch viel zu jung war, um mein Leben hinter dem Schreibtisch als Dichter zu verbringen, weshalb ich mein unverhofftes Renommee nützte, um mich bei Gerd Bacher, dem Generalintendanten des ORF, für einen Job als Redakteur zu bewerben.
Noch im Herbst desselben Jahres arbeitete ich in der Fernsehspielabteilung unter den damaligen Chefs Gerald Szyszkowitz und Wolfgang Lorenz als  Redakteur. Zuerst schaute ich Nachmittage lang Fernsehfilme an und schrieb Beurteilungen, dann las ich Drehbücher und entwickelte nach einer Probezeit von drei Monaten drei neue, eigenständige Fernsehformate: „Lumieres Kinder“ präsentierte als Vorabendserie die besten Filme der österreichischen Amateurfilmszene. Dabei brachte es ein Sendung, ausgerechnet mit Avantgardefilmen und zwischen einer Volksmusiksendung und einer Wahlberichterstattung ausgestrahlt, auf zwei Millionen Zuseher und 400 Beschwerdeanrufe, ein absoluter Spitzenwert, der nur deshalb nicht zu meinem sofortigen Hinausschmiss führte, weil ich mich in gerade zu kindlicher Naivität zum Recht auf freie Meinungsäußerung berief. In den frühen siebziger Jahren war das noch ein Argument.
„Planquadrat, Stadterhaltung – Stadterneuerung“, ein Projekt, das auf eine Idee des Schriftstellers und Journalisten Jörg Mauthe zurückging und von Helmut Voitl und Elisabeth Guggenberger umgesetzt wurde, war eine sehr erfolgreiche und mit zahlreichen Preisen bedachte Sendereihe, die sich mit der Idee beschäftigte, die abgewohnten Gründerzeitviertel vor allem Wiens zu revitalisieren, statt unwirtliche Trabentenstädte zu planen.
„Geschichten aus Österreich“ wiederum präsentierte, ermittelt durch einen Autorenwettbewerb, aus jedem österreichischen Bundesland ein kurzes Fernsehspiel, bei dem die Garde der jungen Regisseure von Reinhard Schwabenitzky über Peter Sämann, Franz Novotny und Milan Dorbis zu Dieter Berner ihre erste Bewährungsprobe zu bestehen hatte. Der Film über eine Fremdarbeiterfamilie „Wo sein Wäsche?“ von Dieter Berner wurde mit dem Volksbildungspreis ausgezeichnet, die Tourismusfarce „Die Fremden kommen“ verursachte in Tirol einen Skandal und  ist bis heute aus dem Giftschrank des ORF  nicht wieder aufgetaucht. Daneben war ich zeitweise auch als Redakteur für die Kultserie „Ein echter Wiener geht nicht unter“ tätig und entwickelte mit Niels Kopf einen Slapstick-Film zu den Olympischen Spielen 1976 mit dem Titel „Der Sieger“. Zuletzt hatte ich mir jedoch nicht vorgenommen, ein Kunstbeamter zu werden, der jeweils die Schuld trug, wenn etwas daneben ging, und in den Hintergrund zu treten hatte, wenn etwas erfolgreich war. Ich kündigte nach drei Jahren einer faszinierenden Lehrzeit und wandte mich wieder der Schriftstellerei zu.
 
Da die ehemalige Cheflektorin des Molden Verlages Marion Pongratz inzwischen Lektorin des Ueberreuter Verlages geworden war, textete ich zu Bildern der Salzburger Malerin Regina Dapra zuerst das Bilderbuch „Die wunderbare Sonntagsfahrt“, das den Preis der Stadt Bologna erhielt und in mehrere Sprachen übersetzt wurde.

Gemeinsam mit dem Maler Hans Jöchl, der die Illustrationen beisteuerte, entstand im Jahre 1977 „Deutscher Sagenschatz“, ein Sammelband mit neu ausgewählten Volkssagen, durch deren Nacherzählung ich in die überwältigenden und stets hochdramatischen Themen wie Liebe, Tod, Geiz, Hochmutund Leidenschaft eintauchen konnte. Durch „Deutscher Sagenschatz“, das in einer Auflage von 20.000 Stück erschien, fand ich auch Anerkennung als Jugendbuchautor und wurde auf ausgedehnte Lesereisen vor allem durch Oberösterreich und Südtirol geschickt. Zuletzt erschien bei Ueberreuter auch der Sammelband „Alpensagen“, in dem die Volkssagen des Alpenraumes neu ausgewählt und erzählt wurden.
 
Inzwischen hatte ich meine Zelte in Wien längst abgebrochen und war nach Tirol zurückgekehrt. Im Grunde kam ich mit dem Leben in der Großstadt und den dort üblichen komplizierten Beziehungskisten niemals zurecht.
Ich lebte lieber am Dorf, baute ein Haus, zog mit meiner Frau Inge zusammen, ging zur Musikkapelle, bekam den Sohn Georg und versuchte mit allen Tricks, als freier Schriftsteller nicht unter die Armutsgrenze zu rutschen.
Dies gelang mir auch durch Auftragswerke, wie eine Dokumentation über die neu eröffnete „Frauen- und Kopfklinik in Innsbruck“ oder das 100-jährige Bestehen der Baufirma Fritz, zwei Arbeiten, durch die ich zwei faszinierende Berufswelten kennen lernte.
Mit meinen neuen Tiroler Freunden Walter Klier, Reinhard Walcher und Klaus Schiffer arbeitete ich an der Satirezeitung „Luftballon“, die sich erstaunlich gut verkaufte, viele Leute ärgerte und außer Feinden nichts einbrachte.
Ich veröffentlichte eine Erzählung „Zemanek oder eine Karriere“, für die ich den renommierten Schweizer Benziger Verlag fand und einen kleinen Literaturpreis erhielt. Danach folgte der Roman „Fernsehspiele“, in dem ich meine Erlebnisse im ORF  literarisch verarbeitete.
Leider glaubte man mir nicht und hielt alles, was ich realistisch erzählte, wie ich es erlebt hatte, für satirische Übertreibung.
Inzwischen ist die Übertreibung durch die Quotenhurerei der Fernsehanstalten und durch die Vernichtung der Kreativität ihrer Mitarbeiter längst Normalität geworden und damit als gesichertes Wissen anerkannt.
Mitte der achtziger Jahre kam ich bei der Gründung der Länderausgaben des „Kurier“ auf die Idee, mein Glück als Kolumnist zu versuchen, eine Betätigung, die ich nun seit über funfundzwanzig Jahren wöchentlich ausübeund deren Start ich meinem Freund, dem Journalisten Robert Vinatzer verdanke. Nach dessen Ausscheiden aus der Redaktion des „Tirol Kurier“ hatte ich einige Monate zu pausieren, bis mich Josef Kuderna vom ORF mit einer wöchentlichen Kolumne beauftragte.
Diese Kolumnen wurden zuerst in der Oberländer Rundschau und dann in den Bezirks- und Stadtblättern des Otto Steixner in einer Auflage von 200.000 nachgedruckt. Gegen eine solche Meinungsmacht wurde natürlich von neidischen Kollegen so lange interveniert, bis mir der zuständige ORF-Redakteur eines Tages mitteilte, dass ich ab nun nur noch einmal im Monat einen Text abliefern möge. Mit bald vierzig Jahren wusste ich in diesem Moment, dass ich mit meiner Lebensplanung etwas falsch gemacht hatte. Ich kündigte meine Mitarbeit beim ORF und beschloss, auf den Literaturnobelpreis zu verzichten und Geld zu verdienen wie alle anderen gewöhnlichen Mitbürger auch..
Die erste große Chance dazu eröffnete sich durch den Chef der Tirol Werbung Andreas Braun, der mich in das Team einer gerade neu gestalteten Tourismuszeitung holte. Gemeinsam mit Helene Forcher fabrizierten wir unter der Schirmherrschaft unseres kunstsinnigen und neugierigen Chefs eine verrückte „Tirol Zeitschrift“ nach der anderen. Als Helene Forcher in das Büro von Landeshauptmann Wendelin Weingartner übersiedelte, wurde ich Chefredakteur und engagierte meinerseits die Schriftstellerin Stefanie Holzer als meine Stellvertreterin. Zu diesem Team gehörten auch die stets ideenreichen und liebenswerten Künstler und Layouter Rens Veltmann, Egon Scoz und Tommi Bergmann. Die wunderbaren Zeiten der „Tirol Zeitschrift“ gingen durch den Abgang Andreas Brauns aus der Tirol Werbung zu Ende, aus der teuren „Tirol – Zeitschrift“ wurde unter Josef Margreiter die drucktechnisch etwas billigere „Saison Tirol“, die ich gemeinsam mit Kurt Höretzeder neu entwickelte und für die ich, nach einer weiteren Mutation  ins Magazinformat, immer noch Kolumnen schreibe.
 
Die zweite Chance auf ein bürgerliches Leben eröffnete sich im Flugzeug nach Wien, in dem ich den Steuer- und Vermögensberater Helmut Marsoner kennen lernte und ihn fragte, weshalb in der Tiroler Tageszeitung eigentlich kritische Köpfe als Schreiber kaum Chancen hätten? Zwei Jahre nach diesem Gespräch, als die Anteilsmehrheit an der Tiroler Tageszeitung an den Springer Verlag übergegangen war, erhielt ich von Marsoner einen Anruf mit der Frage, ob ich als Kolumnist von den Bezirksblättern zur Tageszeitung wechseln wolle. Natürlich wollte ich. Und so bin ich schon seit vielen Jahren Kolumnist der TT und frage mich, was sich ein Schreibender mehr wünschen kann, als an bestimmten Wochenenden von 120.000 Lesern gelesen zu werden?
 
Neben all diesen publizistischen Tätigkeiten wuchs sich meine aus Kindheitstagen herrührende Leidenschaft zur Musik und hier vor allem zur Blasmusik zu einer immer zeitraubenderen Sucht aus. Nach acht Jahren bei der Musikkapelle meiner Heimatgemeinde wurde mir langweilig und ich fand, dass eigentlich viel zu viel schlecht komponierte Werke gespielt wurden. Um meinen Frust in Grenzen zu halten, musizierte ich zuerst bei anderen Kapellen, lernte neben der Klarinette auch Saxophon und verfiel schließlich auf die Idee, dem ORF eine kritische Blasmusiksendung vorzuschlagen. Peter Moser, der zuständige Redakteur, ließ mich eine Pilotsendung produzieren und legte sie dann jenen Kollegen aus der Blasmusikszene vor, die bereits regelmäßig  Sendungen fabrizierten. Man kann sich vorstellen, was die zur neuen Konkurrenz sagten. Mein Vorschlag wurde abgelehnt.
Und man gab mir väterlich den Rat, wenn ich schon gescheit sein wolle, zuerst einen Kapellmeisterkurs zu besuchen und mich erst dann wieder zu melden.
Obgleich die Herstellung einer Sendung und das kritische Hören von Musik mit der Fähigkeit, ein Orchester zu leiten, überhaupt nichts zu tun hat und der Vorschlag ganz offensichtlich nur dazu diente, unliebsame Konkurrenz loszuwerden, meldete ich mich am Konservatorium an und wurde nach zwei Jahren zum  staatlich geprüften Blasorchesterleiter. Es versteht sich, dassdeshalb aus der Sendereihe ebenso nichts wurde wie aus der Zusicherung der Lanser, mich zum Kapellmeister zu wählen. Der alte Kapellmeister entschloss sich im letzten Moment, doch noch eine Periode anzuhängen, was mich zu einem Eklat veranlasste, der von beiden Seiten so massiv und brutal ausfiel, dass ich meine Schmerzen, plötzlich heimatlos zu sein, weil ich es gewagt hatte, Qualität einzufordern, in dem Roman in Szenen „Heimatzauber“ aufzuarbeiten versuchte.
Ich trat aus der Musikkapelle Lans aus und übernahm ein Jahr später die gerade neu gegründete Stadtmusikkapelle Innsbruck-Saggen, die ich mit großen Einsatz innerhalb von sieben Jahren in die höchste Leistungsklasse führte und mit der ich drei CD-Einspielungen produzierte: „Tiroler Platzkonzert“, Tiroler Festtag“ und „Tiroler Promenadenkonzert“. Nach 14 Jahren hatten die Musikerinnen und Musiker der Saggener und ich einander nichts mehr zu sagen, ich verabschiedete mich als Kapellmeister und verbrachte ein harmonisches Jahr am Land in der Gemeinde Patsch oberhalb von Innsbruck, wo ich unter dem Titel „Gruß vom Patscherkofel“ eine CD mit Märschen einspielte, die vor allem von ehemaligen Musikern und Kapellmeistern der Musikkapelle komponiert worden waren. Nach diesem einen Jahr am Dorf erhielt ich die ehrenvolle Aufgabe, die renommierte Postmusik Innsbruck zu leiten. Produkt dieser Zusammenarbeit war nicht nur die CD „Tiroler Promenadenkonzerte“, sondern auch zwei außerordentliche Abende mit Lesung und Musik.
 
Als jemand, der sowohl in der Literatur als auch in der von vielen Intellektuellen verachteten Volkskultur tätig war, schrieb ich nicht nur zahlreiche Artikel in Musikzeitschriften wie „Clarino“, „Österreichische Blasmusikzeitung“ oder „M-Musik zum Lesen“, sondern versuchte immer wieder kulturgeschichtliche Querverbindungen zwischen dem kritischen Potential einer Zeit und ihrer Militär- also Herrschaftsmusik herzustellen. Dieses Wissen um beide Seiten führte im Jahr 2000 zum Auftrag, den Österreichtag bei der Weltausstellung in Hannover musikalisch zu gestalten. Mit 500 Musikerinnen und Musikern fiel Tirol ins Ausstellungsgelände ein und machte in Zeiten der EU-Sanktionen gegen Österreich mit einer schrillen und ironischen Einzugsfanfare von Florian Bramböck auf sich aufmerksam. Am Abend wurde die von mir und Erich Hörtnagl entwickelte Show „Zu Gast in Tirol“ vor fünftausend Zuhörern auf einer Bühne von 75 Meter Breite mit Riesenorchester und Videoeinspielungen aufgeführt. Das Konzept der Show war so stimmig, dass sie ein Jahr später am Nationalfeiertag als „EXPO Revival Show“ in Innsbruck noch einmal aufgeführt wurde.
Schon zuvor hatte ich im Gedenken an das Ende des ersten Weltkriegs im Innsbrucker Treibhaus eine Lesung, kombiniert mit Militärmärschen zusammengestellt, bei der Texte über das Grauen des Krieges mit den hehren Klängen wunderbarer Märsche eine schmerzhaft schöne Verbindung eingingen.
Mit der Postmusik Innsbruck nahm ich dieses Konzept wieder auf und beleuchtete mit „Melange mit Kaisersemmel“ das Wien der Jahrhundertwende.
Zum Sechzigjahrjubiläum des Europäischen College in Alpbach kombinierte ich unter demTitel „Von Dichtern und Bauern“ Texte der in Alpbach tätigen Nobelpreisträgern mit der Musik jener, die als bäuerliche Gastgeber am Wegesrand gestanden und wahrscheinlich wenig von dem begriffen hatten, was da an Hochgeistigem verhandelt wurde. Die langjährige Zusammenarbeit mit dem Regisseur Erich Hörtnagl führte in Folge der EXPO-Show auch zum Verkaufsvideo „Tirol – Harmonie der Gegensätze“, das ohne Werbelügen über Tirol und seine Bevölkerung in formieren sollte.
Neben all diesen Tätigkeiten  kam das Bücherschreiben viel zu kurz. Als mich im Jahre 1997 eine schwere Krankheit ereilte, versuchte ich zudem durch den Bau eines Miethauses die Zukunft meiner Familie abzusichern.
Eine Sammlung von Kolumnen unter dem Titel „Apropos“ war die einzige Veröffentlichung, zu der ich Zeit fand. Gründe für meine literarische Enthaltsamkeit waren daneben aber nicht nur das zunehmende Unvermögen, die Bücher der meisten meiner Schriftstellerkollegen ohne unüberwindliche Schlafattacken zu lesen, sondern auch der Unwillen, eine Erkenntnis oder ein Erlebnis hinter literarischer Fiktion zu verstecken. Nur der Aufsatz, der Artikel, der Essay befriedigten mein Bedürfnis, die knappe Zeit zu nutzen, um ohne Umwege zu erfahren, was Sache ist, und als Schreibender mit dem Instrument der Formulierung schnörkellos in etwas bisher Unerkanntes oder noch zu wenig Erkanntes einzudringen  und es zu ordnen.
 
Erleichtert wurde mir mein Entschluss, mich wieder dem Buch und dem Essay zuzuwenden, auch durch die Beobachtung, dass die Ergebnisse meines Engagement bei der Blasmusik die Zeit, die hiefür aufgewendet werden musste, nicht rechtfertigten. Selbst wenn es mir gelungen wäre, mit den besten Orchestern zu arbeiten, wären sie im internationalen Vergleich und im Vergleich mit professionellen Musikern immer noch mittelmäßig gewesen, zumal auch meine musikalische Ausbildung und Begabung nicht ausreichten, um auf diesem Feld mehr als dörfliche Authentizität zu erreichen. Zudem war meine Sehnsucht nach Perfektion, wenn schon nicht in der Rolle des Dirigenten, so doch in der Rolle als Veranstalter, durch die "Innsbrucker Promenadenkonzerten“ vollauf befriedigt. Als künstlerischer Leiter dieser mit 50.000 Zuhörern sehr erfolgreichen Konzertreihe in der kaiserlichen Hofburg lade ich seit nunmehr 15 Jahren die besten Blasorchester Österreichs und Mitteleuropas nach Innsbruck ein, um jene altösterreichische Unterhaltungs- und Transkriptionsmusik wiederer stehen zu lassen, deretwegen unser Land weltweit bekannt ist und die dennoch von den einheimischen Musikern als Nebenwirkung touristischer Übererschließung und verfehlter Moderne immer weniger gespielt wird.
Die Entscheidung, mich wieder der Schriftstellerei zuzuwenden und nicht mehr so viel Zeit der Musik zu opfern, ermöglichte es mir, endlich auch die Muse zu finden, mit dem Essay „Vom Sinn des Mittelmaßes“ nach Jahren ein neues Buch zu schreiben.
Wenn Glück und Gesundheit es zulassen und der Verkaufserfolg des neuen Werks  nicht so niederschmetternd ist, dass ich jede weitere Lust auf Selbstausbeutung verliere, plane ich in Bälde eine hoffentlich witzig skurrile Autobiographie über mein Leben als Blasmusikkapellmeister und danach eine Analyse des Internet als eines riesigen Panoramas der sexuellen Lüste.
Und da das Bücherschreiben einsam und langweilig ist und man nur beim Theater und bei Events interessante Leute kennen lernt, möchte ich dem großen Erfolg der Theaterversion von „Heimatzauber“ ein zwei weitere Stücke nachfolgen zu lassen. Aber die müssen selbstverständlich erst geschrieben werden.
 
Nachtrag Jänner 2010:
Obgleich alles wesentlich langsamer vonstatten geht als geplant, habe ich mich aus Sicht des Jahres 2010 ziemlich genau an meine Vorsätze gehalten und bin von Dankbarkeit erfüllt, dass meine Gesundheit, die ich durch Almwanderungen unterstütze, und die Fährnisse des Schicksal die Verwirklichung meiner Pläne zuließen.
Was die Musik und ihren zeitlichen Aufwand betrifft, so glaubte ich, mein Ziel durch die Übernahme einer Dorfkapelle zu erreichen, ohne die Kapellmeisterei gleich gänzlich bleiben lassen zu müssen. Immerhin, so sagte ich mir, verhindere der regelmäßige Kontakt mit Musikern und so genannten normalen Menschen die Gefahr, als Schreibender im selbst gewählten Elfenbeinturm zu vereinsamen. Und ich glaubte auch, es mir als künstlerischer Leiter der Innsbrucker Promenadenkonzerte schuldig zu sein, den Anschluss an die Realitäten des Musizierens und Probierens nicht verlieren zu dürfen. Zuletzt erwies sich aber auch der Arbeitseinsatz für eine Landkapelle als so groß und so aufreibend, dass an eine ohnehin stets von Störungenbedrohte literarische Arbeit größeren Ausmaßes nicht zudenken war. Nach zweieinhalb Jahren der versuchten Idylle am Land war ich daher mit meinen Nerven am Ende und kündigte meinen Job als Kapellmeister. Ein Buch mit dem Arbeitstitel „Der Preis ist zu hoch – vom Leben auf dem Lande“ wäre somit der schöne Abschluss einer Trilogie, die mit „Platzkonzert“ beginnt, mit „Heimatzauber“ seine Fortsetzung findet und zuletzt in der Erkenntnis endet, dass das Landleben nicht die vermeintliche Weisheit der edlen Wilden repräsentiert, sondern lediglich, wie Peter Sloterdijk es in einem seiner Bücher formuliert, die soziologische Verzögerung von Aufklärung ist.
Die Autobiographie des Dorfkapellmeisters habe ich übrigens geschrieben.
„Platzkonzert“ ist sicherlich das versöhnlichste und freundlichste Buch, das ich je zustande brachte. Es ist von meiner Liebe zur Musik getragen und wurde auch von Leuten gelobt, die es nicht gewohnt sind, pro Tag hundert Seiten zu lesen. Zudem hat das Buch ein schönes, poetisches Ende, auf das ich besonders stolz bin.
 
Eine überraschende Freude war in den letzten Jahren die Freundschaft mit Hansjörg Angerer, dem Hornisten, Dirigenten und Marketinggenie, mit dem ich die Idee entwickelte, eine Oper für Bläser zu entwickeln, um auch die Gattung des symphonischen Bläserensembles mit einem musikdramatischen Werk zu versorgen.
Daraus entstand „Die Sennenpuppe“, die Ernst Ludwig Leitner, Kompositionsprofessor am Mozarteum in Salzburg, komponierte und die im Sommer 2008 bei den Salzkammergut Festwochen in Gmunden eine überaus erfolgreiche Premiere erlebte und inzwischen in Salzburg, Wels und Innsbruck nachgespielt wurde.
Leitner ist nicht nur ein vitaler und in allen Kompositionstechniken geübter Meister seines Faches, die Ähnlichkeit unserer barocken, genussfreudigen
Naturen erübrigt lange Debatten. Noch nie habe ich eine unkompliziertere, die Autorität des jeweiligen Kreativen schonendere Zusammenarbeit kennen gelernt. Ein weiteres Produkt unseres hoffentlich auch künstlerisch nachhaltig erfolgreichen Glücksfalls ist die Oper „Die Hochzeit“, zu der Leitner und ich von Gustav Kuhn, dem renommierten Dirigenten und Leiter der Tiroler Festspiele Erl den Auftrag erhielten. Das Werk soll am 30. Juli 2010 in Erl uraufgeführt und von Gustav Kuhn in das internationale Opernrepertoire mitgenommen werden. Für unser nächstes Opernprojekt mit dem Arbeitstitel „Orpheus kehrt zurück“
besteht bereits ein ausführliches Exposé, für dessen Umsetzung Leitner und ich allerdings noch einen Auftraggeber suchen.
 
In immer professionellere Dimensionen sind inzwischen auch die Innsbrucker Promenadenkonzerte vorgestoßen. Bei schönem Wetter ist die Konzertreihe ein absolutes Highlight des abendlichen Innsbruck.
Bei 30 Konzerten mit 1500 Musikern und 50.000 Zuhörern baut die Veranstaltungsreihe eine Brücke zwischen E- und U-Musik, aber auch zwischen Amateuren und Profis und alter und zeitgenössischer Musik. Dieser Brückenbau zwischen den Idyllen der Tradition und den Brüchen der Gegenwart hat die Innsbrucker Promenadenkonzerte weit über die Grenzen Tirols hinaus als eine der wichtigsten Veranstaltungen für Bläsermusik in Mitteleuropa bekannt gemacht.
 
Dem Interview mit einem ausländischen Journalisten im Rahmen der Promenadenkonzerte verdanke ich denn auch jene Begegnung mit Florian Bramböck,
deren Ergebnis zuletzt das Libretto zu „Hofers Nacht“ war, ein Auftragswerk des Tiroler Landestheaters, das sich im Gedenkjahr 2009 mit dem Leben des bekannten Tiroler Nationalhelden auseinander setzen sollte. Nicht nur Bramböck und mich, sondern auch den Regisseur Norbert Mladek und die Intendantin Brigitte Fassbaender überraschte zuletzt die Tatsache, dass sämtliche Vorstellungen ausverkauft waren und das Stück, obgleich zeitgenössisches Musiktheater, beim Publikum bestens ankam.

Das Bücherschreiben ist ein jämmerlich einsamer Job. Das Schreiben von Stücken wird immerhin damit belohnt, dass nach einer kürzeren Frist der  Niederschrift die Arbeit zuletzt damit belohnt wird, dass viele interessante und phantasievolle Menschen zusammen kommen, um gemeinsam ein Werk zustande zu bringen. Das ist herrlich und, im Falle der Sänger mit ihren Leistungen in den Zwängen einer Partitur, geradezu bewundernswert.
Diese Erfahrung hat mich ermuntert, obgleich ich für eine entsprechende Karrierewahrscheinlich schon viel zu alt bin, mit dem Stückeschreiben zu beginnen, wobei ich in schonungsloser Selbstüberschätzung der Ansicht bin, dass ich für kein anderes literarisches Genre mehr Begabung mitbringe als für das Drama. Der erste Teil einer großen Trilogie mit dem Titel „Freunde – Künstler – Frauen“ ist bereit s abgeschlossen. Die Zukunft wird zeigen, ob es mir gelingt, dafür eine Bühne zu finden. Der Leser dieser Zeilen möge mir Glück dazu wünschen.
 
Alois Schöpf 2010